Nachruf zum Tode von Klaus Philipp

Von Peter Brauer

Unser aller Maler ist von uns gegangen

In der Nacht von Sonntag auf Montag (am 12.3.2023) dieser Woche ist Klaus Philipp im Alter von 90 Jahren gestorben. Nach langer Krankheit ist er in der Nähe von Köln inmitten seiner Töchter friedlich eingeschlafen. Diese Nachricht wird kaum jemanden in der Vollblutwelt, vielleicht sogar im gesamten deutschen Pferdesport unberührt lassen, denn in den Jahrzehnten seines Wirkens ist jeder einzelne mit Abbildungen in Berührung gekommen, die aus seinem Werk stammten. Die Rede ist nicht nur von Ölgemälden, Wachskreidemalereien, Zeichnungen und den Schwarzweiß-Drucken im Rahmen seiner berühmten Rennpferdeserien. Klaus Philipp war überall, auf exklusiven Seidentüchern, in Wandkalendern, auf Hunderttausenden von Plakaten, auf Postkarten, auf Broschüren oder Terminlisten und Eintrittskarten von Veranstaltungen, auf Autoaufklebern, Telefonkarten und sogar auf der Rückseite von Pferdetransportern. Grund dafür war außer der Begeisterung für seine Bilder auch seine offene Art: Mit seinem Copyright ging er freizügig um, was ihn umso populärer machte, und zwar bei Reich und Arm gleichermaßen. 

Vor zwei Jahren erschien als Würdigung seines Lebenswerks das opulente Kunstbuch „Klaus Philipp – Der Künstler, seine Pferde, sein Leben“, das in komprimierter Form zeigt, was das ganz Besondere am Maler Klaus Philipp war. Ihm ist etwas gelungen, was weltweit nicht viele von sich behaupten können, nämlich nicht nur ein guter Maler zu sein, sondern einen ganz eigenen, auf den ersten Blick zu identifizierenden Stil entwickelt zu haben. Selbst wenn er zeichnete, reichten drei oder fünf Striche und man sah: Diese anatomisch korrekte Darstellung mit der überbetonten irgendwie ätherischen Schlankheit von Reiter und Pferd, das konnte nur von ihm sein. 

Das außer seinen Techniken andere Besondere war Klaus Philipps Sicht auf die Pferde und den Pferdesport. Sie unterschied sich von der vieler anderer, international auch berühmt gewordener Maler. Manche von diesen tun kaum mehr, als aus Fotos Gemälde zu machen und dabei vielleicht ein paar Akzente hinzuzufügen. Realistisch, naturalistisch malen, dass Klaus Philipp das ebenso konnte wie andere, hat er mit der Vielzahl seiner Portraits, oft Auftragsarbeiten, bewiesen. Wie vor über 200 Jahren erstmals der große George Stubbs so hat er sich genauestens mit der Anatomie der Pferde, ihren Knochen, Muskeln und Sehnen, ihrem ganzen Bewegungsapparat, auseinandergesetzt. Aber seine Empfindungen, seine ganze Genialität zeigen sich erst richtig im Abstrahieren, im Weglassen, in der Betonung, auch schon in der Komposition seiner Motive. Überspitzt gesagt bildet Klaus Philipp nicht einfach ab, sondern er drückt aus. Das unterscheidet den Maler vom Handwerker. Wobei es ihm fast immer gelang, dass selbst ein Motiv wie „Stute mit Fohlen bei Sonnenaufgang“ bei ihm zwar ausdrucksstark, aber nicht süßlich wirkte. Es war fast eine Manie: Das Süßliche, das Kitschige hat er gehasst „wie der Teufel das Weihwasser“. Auch daran liegt es, dass Besitzer seiner Bilder ihres Anblicks nie überdrüssig werden. 

Betrachter seiner Werke wunderten sich nie übermäßig, wenn sie erfuhren, dass der Künstler am Anfang einige Zeit lang Aktmalerei studiert sowie mit Erfolg surrealistisch gemalt hatte. Aus dieser Zeit gibt es auch Bilder wie das „Portrait eines Kindermörders“. Pferde malte Philipp zu Beginn nur gelegentlich, erstmals als 13jähriger. Er tat es für eine Freundin, die weniger talentiert war, für den Kunstunterricht in der Schule, und der Lohn war ein Kuss. Der Entschluss, sich der Pferdemalerei zuzuwenden, entstand in ihm aber viel später, während des Vortrages eines Akademiestudenten: „Der konnte zwar nicht einmal zeichnen, aber lang und breit über eine rot angestrichene Leinwand reden. Gegenständliche Malerei tat der als ‚Zitronenmalerei‘ ab“, so Klaus Philipp, in dem diese Begegnung eine Art Trotzreaktion auslöste. Er setzte sich fortan mit den Werken der großen Pferdemaler wie Stubbs und Munnings auseinander und beschäftigte sich mit Rennsportbildern von Degas und Toulouse-Lautrec. Was er für sich selbst und die Pferdemalerei daraus entwickelte, wird von Kennern als „expressiver Impressionismus“ bezeichnet. Dass darin ein vermeintlicher Widerspruch liegt, ist geradezu charakteristisch für diesen Maler, der in sich viele Widersprüche vereinte. 

Mit Pferden alles selbst erlebt

Den Bildern von Klaus Philipp merkt man an, dass er die Szenen, die er darstellt, selbst mit eigenen Sinnen so oder ähnlich erlebt hat. Das Thema Pferd, er hat es als waghalsiger Reiter (über 50 Knochenbrüche) in allen Sätteln hautnah kennen gelernt und diese Eindrücke haben sich ihm lebenslang eingebrannt. So gelangen ihm sinnliche Momentaufnahmen, die ganze Aspekte des Pferdesports, der Welt des Pferdes, besser wiedergeben können als viele Worte. Sie erfassen die Farbe und Bewegung des Moments. Sie sind schön und ästhetisch, ohne zu viel Wert auf Gefälligkeit zu legen. 

Klaus Philipp war ein Meister darin, den Betrachtern das Lebewesen Pferd und den Pferdesport in Bildern zu zeigen, die zwar realistisch und naturgetreu sind, aber das Faszinierende und Überzeugende in Verstärkung hervorheben. Sie wirken inspirierend. Es ist typisch, dass seine Bilder auch viele der langgedienten Aktiven im Pferdesport ansprechen, die abgeklärt und nicht mehr leicht zu beeindrucken sind. Sie erkennen die geballte Faszination, die dieser Maler mit seinen Bildern pointiert auszudrücken vermochte. Bilder, die das Schöne, Reizvolle und Gesunde, die Kraft dieses Sports zeigen und damit eine trost- und energiespendende Antwort auf andere Dinge geben, die unsere Stimmung täglich nach unten ziehen. 

Ein Bild für 75.000 Euro

Ungewöhnlich war eine Einlage bei der berühmten P.S.I.-Auktion 2005 in Ankum: Dort wurde ein Portrait zu Gunsten von UNICEF versteigert, obwohl es noch gar nicht existierte. Das Motiv für das erst noch zu malende Bild durfte der Ersteigerer bestimmen. 75.000 Euro war ihm das wert. Selbst der SPIEGEL hat Klaus Philipp als den besten Pferdemaler der Welt bezeichnet. Bilder von ihm hängen immerhin im National Horseracing Museum in Newmarket und in Palästen von Scheich Mohammed al Maktoum. Überhaupt gehörte seine besondere Vorliebe den Vollblütern mit ihrer Ausdrucksstärke, Sensibilität und explosiven Kraftentfaltung, aber ebenso vielen der Pferdeleute: Besitzern wie Walther J. und Dr. Andreas Jacobs, Trainern wie André Fabre, Harro Remmert, Hein Bollow, Jockeys wie Lester Piggott oder Andrasch Starke – ebenso wie den vielen Menschen „bei den Pferden“, an die er freigiebig von seinen Drucken verteilte. 

Klaus Philipp wird in Erinnerung bleiben als charismatischer, extrovertierter Mann. Ehrgeizig beim Malen, begeisterungsfähig, hingebungsvoll und unerschöpflich unterhaltsam als Mensch. Seine Offenheit konnte jedoch auch in Schroffheit und nachtragende Zickigkeit umschlagen. Er war durchaus eine Primadonna, wenn auch eine meist liebenswürdige. Und er war treu. All das äußerte sich gleichermaßen im Gespräch wie auch in seinen Briefen und vor allem in seinen rundherum bekritzelten Kunstpostkarten, auf denen der Platz nie ausreichte, weil das Herz zu voll war. 

In den letzten Jahren war es um ihn ruhiger geworden, nicht erst seit Corona. Die Beweglichkeit war nicht mehr so wie früher, was den einst begeisterten Vielseitigkeitsreiter und draufgängerischen Abfahrtsläufer schmerzte. Viel schlimmer als das traf ihn vor Jahren der Tod seiner unvergleichlichen Frau Bernadette, die mehr als 35 Jahre lang sein Leben geteilt hatte. Die Tierärztin war auch seine universelle Managerin, Planerin und Macherin, die ihm fast alles außer dem Malen abnahm. Der Künstler hinterlässt vier Töchter aus zwei früheren Ehen. Die Beisetzung wird im engsten Familienkreis stattfinden. 

Klaus Philipp war ein leidenschaftlicher Botschafter des Pferdesports. Als Würdigung seiner Verdienste um dessen Popularisierung wurden ihm vom Direktorium die Silberne Medaille und von der FN das Reiterkreuz in Gold verliehen. Die Pferdeszene hat mit ihm einen genialen Maler und einen faszinierenden Menschen verloren. Das Tröstliche: Die Hinterlassenschaft seiner Bilder wird dafür sorgen, dass er auf Dauer lebhaft in Erinnerung bleiben wird.

Klaus Philipp Horse Art

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